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Rezension: 54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe von Marieke Nijkamp

November 12, 2017
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Marieke Nijkamp| 54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe | Jugendbuch | 21.09.2017 | 366 Seiten | Verlag: FJB | Preis für HC / E-Book: 14,99 / 12,99 | Ansehen bei Amazon | *Rezensionsexemplar

54 Minuten, die alles zerstören

Es passiert nicht viel im verschlafenen Opportunity, Alabama. Wie immer hält die Direktorin in der Aula der Highschool ihre Begrüßungsrede zum neuen Schulhalbjahr. Es ist dieselbe Ansprache wie in jedem Schulhalbjahr. Währenddessen sind zwei Schüler in das Büro der Schulleitung geschlichen, um Akten zu lesen. Draußen auf dem Sportgelände trainieren fünf Schüler und ihr Coach auf der Laufbahn für die neue Leichtathletiksaison. Wie immer ist die Rede der Dirketorin exakt um zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.

Als Schüler und Lehrer die Aula verlassen wollen, kann man die Türen nicht mehr öffnen. Einer beginnt zu schießen.
Tyler greift seine Schule an und macht alle fertig, die ihm unrecht getan haben.
Aus der Sicht von vier Jugendlichen entfaltet sich der Amoklauf, bis die letzte Kugel verschossen ist.


Schon lange hat mich ein Buch nicht mehr so zwiegespalten, wie „54 Minuten“ es tut. Vielleicht habe ich mich deshalb auch direkt an die Rezension dran gesetzt. In meinem Kopf schwirren unfassbar viele Gedanken zu diesem Buch herum.

Erstmal: Nach wie vor finde ich den Titel unfassbar schlecht gewählt. Originaltitel: This Is Where It Ends. Zugegeben, es gibt immerhin einen direkten Bezug zu diesen 54 Minuten – so lange dauert der Amoklauf. Die Kapitel sind auch in einzelne Minutenabschnitte eingeteilt. Aber sonst … Nichts. Als großer Fan von Jodi Picoult hatte ich natürlich sofort ihr Meisterwerk „19 Minuten“ im Kopf, Originaltitel: 19 Minutes. Hier wird schon direkt zu Anfang Bezug zu den 19 Minuten geschaffen.

Was sich der FJB Verlag dabei dachte, einen so ähnlich klingenden Titel zu verwenden, verstehe ich bis heute nicht.

Mein Problem ist, dass ich dadurch direkt in eine gewisse Vergleichshaltung gegangen bin. „19 Minuten“ ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, und ich wollte, dass mich „54 Minuten“ mindestens halb so sehr begeistert, wenn sich die deutschen Titel schon so ähneln. Es mag kleinlich sein, sich von so etwas beeinflussen zu lassen, weshalb ich mir auch fest vorgenommen habe, so objektiv wie möglich zu bleiben.

Und da kam schon das zweite Problem.

Persönlich finde ich Amokläufe wahnsinnig interessant. Und damit meine ich nicht den makaberen Teil, sondern die psychologischen und soziologischen Aspekte. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich selbst noch zur Schule ging, als man anfing, an den schulinternen Sicherheitssystemen etwas zu verändern. Ich kann mich noch sehr gut an die Aufregung innerhalb unserer Schule nach dem Amoklauf in Winnenden erinnern. Man versicherte uns, das an einem Sicherheitssystem gearbeitet wurde, wir aber über dessen Funktion nichts erfahren würden. Weil man uns schützen – und potentiellen Tätern nicht helfen wollte.

Wir hatten damals zwar keine plötzliche Angst, aber ein gewisses Unwohl Sein war vorhanden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Freundinnen und ich zusammen gluckten und uns fragten, wer von unseren Mitschülern ein potentieller Amokläufer sein könnte – und ich bin mir sicher, dass sich diese Frage viele Schüler in den letzten – sagen wir – 8 – 10 Jahren gestellt haben.

Vielleicht habe ich mich deshalb so sehr mit dem Thema befasst. Wenn man sich mit etwas auseinandersetzt, hat man weniger Angst davor – oder so ähnlich.

Es ist also kein Wunder, dass ich solche Bücher lese.

Und ich war wirklich sehr gespannt auf „54 Minuten“.

Das Cover finde ich klasse. Der schwarze Hintergrund, und dann die bloßen Kreidestücke, die von einer vermeintlichen Kugel durchschossen werden. Und dann noch die Schriftart des Titels, als wäre er mit Kreide geschrieben worden. Das erinnert einen direkt an die eigene Schulzeit; an die Kreidefinger, wenn man nach vorne bestellt wurde, oder an den verhassten Tafeldienst. Dadurch fällt es einem leichter, sich gedanklich auf das Setting in der Schule einzulassen.

Die Schwierigkeit dabei: Man hat seine eigene Schule im Kopf.

Generell fiel es mir schwer, mir die Opportunity High vorzustellen. Oft hatte ich das Gefühl, dass von Kapitel zu Kapitel Dinge vertauscht wurden, und das Bild, welches ich in meinem Kopf hatte, verschob sich und verwirrte mich. Ich hielt oft inne und fragte mich „War das echt so beschrieben?“

Das störte den Lesefluss schon erheblich.

Die Idee, die Kapitel in Minuten einzuteilen, fand ich wiederum gut, auch wenn ich es mir anfangs nicht gut vorstellen konnte. Da wurde ich positiv überrascht.

Der Amoklauf an sich findet hauptsächlich in der Aula statt. Tyler, der Täter, schließt alle Türen ab und keiner kann ihm entkommen. An dieser Stelle musste ich sehr stark an die Verfilmung von „Wir müssen über Kevin reden“, in dem es der Täter ähnlich handhabt. Da hat mich die Ähnlichkeit auch wieder gestört.

Das Buch ist so aufgebaut, dass die Geschichte aus vier verschiedenen Sichtweisen erzählt wird. Wir lernen Claire kennen, die sich zum Zeitpunkt des Amoklaufs außerhalb der Schule befindet. Außerdem Tomás, der mit einem Kumpel kurz vor der Tat ins Büro der Direktorin einbricht, um Akten durchzusehen. Wir lernen Sylvia kennen, Tomás’ Schwester, und ihre Freundin Autumn, die übrigens die Schwester von Tyler ist. Jeder einzelne von diesen vier Charakteren bekommt eine Stimme; seine eigenen Probleme, mit denen er während des Buches zu kämpfen hat.

Wer nach Charakterentwicklungen sucht, wird hier nicht fündig. Auf den letzten Seiten handeln alle im Prinzip genauso, wie man es am Anfang des Buches erwartet hätte. Aber zugegeben, kein Mensch verändert sich so maßgeblich innerhalb von 54 Minuten.

Es gab die eine oder andere Szene, die ich unrealistisch fand, aber ich möchte niemanden spoilern.

Und eine ganz bestimmte Komponente hat mir in dieser Aufteilung auch gefehlt: Tylers Perspektive.

Es gab schon Momente, in denen er durch die anderen Charaktere beschrieben wurde. Aber keiner stellte ihn wie jemanden dar, der einen Amoklauf begehen würde. Gut, vielleicht war das der Plan der Autorin, aber es ist leider ein psychologischer Fakt, das eben NICHT JEDER zu einer solchen Tat fähig wäre. Es müssten gravierende Dinge vorhanden sein. Eine massiv fehlende Empathiefähigkeit zum Beispiel (wird hier nur während des Amoklaufs beschrieben, vorher soll er sich sehr für seine Schwester interessiert haben, sich liebevoll um andere gekümmert haben). Oder massives Mobbing (Tyler wurde wohl von einem anderen Mitschüler ein paar mal verprügelt, aber über die Heftigkeit oder Hänseleien wird nicht wirklich gesprochen). Manchmal kann sogar ein Schulrauswurf der Grund sein (Nö, hier ist Tyler freiwillig gegangen, und wollte freiwillig als Schüler zur Opportunity High zurückkehren).

Beim Täter fehlte mir ein ganzes Stück an Authentizität. Mir fehlte der Grund, warum er es tat. Im Laufe des Buches sagt er, dass er nie dazugehörte, und in einer Tomás-Sequenz wird eben genau das bestätigt. Aber da geht es wieder um den Konflikt zwischen zwei einzelnen Schülern, und außerdem bekommt die Tat dadurch irgendwie eine gewisse Daseinsberechtigung.

Die Autorin hat sich hier ein sehr sensibles Thema ausgesucht. Gerade im Jugendbuchbereich muss man aufpassen, wie man was schreibt. Dennoch hätte sie viel tiefer gehen können, die Charakter detaillierter zeichnen können. Vor allem dem schattenhaften Tyler hätte sie meiner Meinung nach ein Gesicht geben können. Jeder verdient eine Stimme, auch die, die wir nicht verstehen können.

Nachtrag:

Was ich auch unlogisch fand, war das lange Warten der Polizei beziehungsweise des Spezial Teams, ehe es in die Schule vordrang. Meiner Meinung nach wurde in den letzten zehn Jahren sehr daran gearbeitet, ein Sonderkommando für solche Fälle einzurichten, und ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass ein solches Kommando innerhalb von zehn Minuten ins Gebäude eindringen muss. Ich würde aber meine Hand dafür nicht ins Feuer legen.

Alles in Allem … bin ich noch immer hin und hergerissen. Ich fand „54 Minuten“ gut, aber eben auch nicht so richtig, weil mir einfach so viel an der Geschichte gefehlt hat. Ich denke, wenn man den Charakteren noch mehr Raum gegeben hätte, hätte die Geschichte ihr ganzes Potential mehr entfalten können.

 

 

 

 

©

Hummel Wertung mit Picsart

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